26.10.09 10:23
 
Auf Tuchfühlung mit den Weltstars
Das war der World Team Cup in Linz: China erdrückend stark, Österreich (zu) früh out und viele Fans, denen die Möglichkeit geboten wurde, den Assen so nah wie nie zuvor zu sein...

Chinas Herren gewinnen beim World Team Cup die Goldmedaille (Foto: Agentur Diener)

Der World Team in Linz (Österreich) ist Geschichte. Wie schon vor zwei Jahren in Magdeburg dominierten Chinas Damen (die sich zumindest den „Luxus“ leisteten im Halbfinale gegen Hongkong ein Einzelspiel zu verlieren) und Chinas Herren den Bewerb auf fast erdrückende Weise. Obwohl die Damen auf die Weltranglisten-Erste Zhang Yining (die vor wenigen Tagen geheiratet hat und sich auf Honeymoon befindet) verzichtet haben. Obwohl das Herrenteam ohne Wang Hao (Nummer 1 der Welt), ohne Ma Lin (3), ohne Wang Liqin (5) und ohne Chen Qi (9) antrat. Chinas Herren-Cheftrainer Liu Guoliang bestätigte in szene-internen Gesprächen, dass man in China derzeit ganz bewusst auf die Qualitäten des Weltranglistenzweiten Ma Long als Führungsspieler setze und nebenbei zu überprüfen trachte, ob die Spieler der zweiten Ebene schon stabil genug sind, um zu bestehen. Die schlechte Nachricht für den „Rest der Welt“: Ja, sie sind schon sehr stabil. Zum einen brillierte Ma Long gegen den ebenfalls bärenstarken Joo Se Hyuk und zum anderen war es sehenswert, wie beispielsweise Zhang Jike den Koreaner Oh Sang Eun (3:0) deklassierte.

Die Erkenntnisse, dass China stark ist und stark bleiben wird, waren nicht die einzigen nach dem World Team Cup in Linz.

Weiters fiel auf, dass....

....Österreich von den Granden des Weltverbandes ITTF (Adham Sharara, Judit Farago, Anders Thunström) für die Qualität der Veranstaltung in hohen Tönen gelobt wurde.

....trotz des frühen Ausscheidens der österreichischen Mannschaft (0:3 im Viertelfinale gegen Korea) die Intersport-Arena in Linz keineswegs leergefegt war. Im Gegenteil. Sowohl am Samstag (als Deutschland im Semifinale gegen Korea 1:3 verlor), als auch am Finaltag waren die Tribünen prall gefüllt.

....ebendieses frühzeitige Ausscheiden von Gastgeber Österreich zu Diskussionen über den World Team Cup Modus geführt hat. Wenn der Veranstalter bei einer derart großen und aufwendigen Veranstaltung innerhalb von 90 Minuten nach Turnierbeginn schon wieder weg sein kann, dann tut das der Veranstaltung nicht gut. Die ITTF ist durchaus bereit, neue Wege zu gehen. Sowohl die (Wieder-) Einführung eines Vorrundengruppen-Systems, als auch die Möglichkeit, den Gastgeber (vergleichbar mit einer Fußball-WM) bei der Auslosung automatisch in Topf 1 zu setzen (was das Duell mit einem übermächtigen Gegner im ersten Spiel unwahrscheinlicher macht)  scheinen diskussionswürdig und realistisch.

....Deutschland ohne Timo Boll die Giganten China und Korea zwar kaum fordern kann, dass eine Mannschaft mit Dimitrij Ovtcharov, Christian Süß, Patrick Baum und Bastian Steger aber durchaus wettbewerbsfähig ist. Das sieht auch DTTB-Herrentrainer Richard Prause so: „Also natürlich will man in Deutschland, dass Timo immer und überall spielt. Aber ich denke, dass es einmal an der Zeit wäre, den ITTF-Kalender grundsätzlich zu diskutieren. Die Belastungen für die Spieler sind gewaltig geworden.“ Ungeachtet dessen muss aus deutscher Sicht nach den Eindrücken in Linz vor allem Dimitrij Ovtcharov erwähnt werden. Sein 3:0 im Halbfinale gegen Oh Sang Eun war Tischtennis vom Allerfeinsten.

....Verteidigungskünstler Joo Se Hyuk auch in Linz (abgesehen natürlich von den Spielern Österreichs) der beliebteste Spieler war. Die fast schon akrobatisch anmutenden Defensivkünste des Koreaners haben tatsächlich unfassbaren Unterhaltungswert. Wie formulierte es Richard Prause doch so treffend? „Es ist schön zu sehen, dass die Defensive lebt.“

....es Tischtennisfans lieben, das Training der Stars hautnah erleben zu dürfen. In Linz wurde ihnen die Möglichkeit geboten, in der Trainingshalle die Topstars (fast) anzufassen. Vor allem bei den Trainings- und Einspieleinheiten der SpielerInnen aus China bildeten sich um die Trainingstische wahre Menschentrauben. Und dabei hatten man durchaus den Eindruck, dass es auch die Weltklassespieler selbst eher motiviert denn stört, wenn sie beim Training von Fans umringt sind.

....Tischtennis durch den World Team Cup wieder einmal auf Weltreise geschickt wurde. Abgesehen davon, dass in Linz rund 100 Journalisten akkreditiert waren, ragt vor allem der Umstand heraus, dass CCTV 5 (China), Tokio TV (Japan), Hongkong Cable und Dubai TV übertrugen. Dazu kamen natürlich der Host Broadcaster ORF und der Sender Eurosport, der Bilder in 28 Länder schickte. Der nächste Beweis, dass Tischtennis zu den ganz wenigen wirklichen Weltsportarten zu zählen ist.

 

Von: MARTIN SÖRÖS